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Historische Kursabstürze, tagesgenau seit 1970.

Ereignisdossier · Nr. 08

März 2020: Warum Gold im Corona-Crash mitfiel

Sieben Handelstage, 12 Prozent Verlust, und das in der Woche, in der die WHO die Pandemie ausrief. Im März 2020 verkauften Anleger Gold, weil sie Bargeld brauchten. Fünf Monate später stand es auf einem Rekordhoch.

-12,02 %
Fenster7 Handelstage
Zeitraum09. - 18.03.2020
Ausgangskurs1.678,80 USD
Endkurs1.476,99 USD
KontextDash for Cash
Menschenleere Fußgängerzone einer deutschen Kleinstadt im Frühjahr 2020 mit heruntergelassenen Rollläden

Ein Krisenmetall fällt in der Krise

Am 9. März 2020 schloss Gold bei 1.678,80 US-Dollar, so hoch wie seit Januar 2013 nicht mehr. Sieben Handelstage später, am 18. März, waren es 1.476,99 US-Dollar, ein Minus von 12,02 Prozent. Den tiefsten Schlusskurs erreichte die Feinunze einen Tag später mit 1.471,17 Dollar. In der Rangliste der größten Sieben-Tage-Verluste seit 1970 steht der Corona-Crash auf Platz 15.

Verglichen mit Aktien hielt sich Gold dennoch gut. Bis zum 18. März lag es nach Berechnungen des World Gold Council in US-Dollar 1,1 Prozent unter dem Jahresanfang, US-Aktien 25,6 Prozent. In Europa stand Gold in Landeswährung sogar 2,2 Prozent im Plus, während die Aktienmärkte 36,4 Prozent verloren hatten.

Wer nur auf Monatsschlusskurse schaut, sieht den Crash überhaupt nicht. Am 28. Februar schloss Gold bei 1.577,40 Dollar, am 31. März bei 1.575,15 Dollar. Der März 2020 endete mit einem Minus von 0,14 Prozent, das erste Quartal mit einem Plus von 3,8 Prozent. Der gesamte Absturz und die Erholung danach spielten sich innerhalb von drei Wochen ab.

Vor dem Sturm so teuer wie seit 2013 nicht

Gold war 2020 mit Rückenwind gestartet. Bis zum 9. März hatte es um 10 Prozent zugelegt, mehr als jede andere große Anlageklasse (WGC). Im Februar flossen 84,5 Tonnen in goldgedeckte ETFs, deren Bestände damit auf ein Rekordhoch von 3.033 Tonnen stiegen. Gleichzeitig hatten spekulative Anleger an der New Yorker Terminbörse COMEX so viele Kaufpositionen aufgebaut wie nie zuvor: netto 1.209 Tonnen im Wert von 63 Milliarden Dollar. Der WGC merkte in seinem Februar-Bericht an, dass solche Extreme in der Vergangenheit oft von Kursumkehrungen gefolgt wurden.

Der erste Warnschuss kam am 28. Februar. Gold fiel an diesem Tag um 4,11 Prozent, in einer Woche, in der Aktien so stark verloren wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Nach Einschätzung des WGC dürften Anleger, die mit Kredit in Aktien investiert hatten, Nachschussforderungen bedient und sich das Geld dafür aus Gold geholt haben. Am 3. März senkte die Fed in einer außerplanmäßigen Sitzung den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte (Federal Reserve), Gold stieg um 3,24 Prozent. Bis zum 9. März kletterte es auf sein Siebenjahreshoch.

Der Ansturm auf Bargeld

Der Finanzstabilitätsrat FSB hat die Wochen danach in seiner Untersuchung der Marktturbulenzen vom März 2020 in zwei Phasen geteilt. Vom 21. Februar bis 11. März herrschte eine Flucht in sichere Anlagen: Anleger verkauften Aktien und kauften Staatsanleihen. Mit dem 11. März, dem Tag, an dem die WHO den Ausbruch zur Pandemie erklärte, begann der sogenannte Dash for Cash. Bis zum 23. März verkauften Anleger nahezu alles, auch Staatsanleihen und Gold, um an Bargeld zu kommen.

Schon am 9. März hatte Italien das ganze Land abgeriegelt, am selben Tag brach der Ölpreis nach dem Scheitern der OPEC-Verhandlungen um rund 30 Prozent ein (FSB). Gold verlor am 10. März 1,69 Prozent, am 12. März 3,64 Prozent und am 13. März 3,05 Prozent. Am Sonntag, dem 15. März, senkte die Fed den Leitzins auf 0 bis 0,25 Prozent und kündigte Anleihekäufe über 700 Milliarden Dollar an (Federal Reserve). Es half nichts. Am Montag darauf verlor der S&P 500 zwölf Prozent, so viel wie seit dem Schwarzen Montag 1987 nicht mehr, Gold gab 1,88 Prozent nach. Am 18. März folgten noch einmal minus 3,49 Prozent.

Warum ausgerechnet Gold? Der World Gold Council nannte am 19. März drei Gründe. Erstens trafen massive Verkäufe fast alle Anlageklassen, verstärkt durch Kredithebel und regelbasierte Handelsstrategien. Zweitens war Gold eine der wenigen Anlagen im Plus und mit einem täglichen Handelsvolumen von über 260 Milliarden Dollar jederzeit zu Geld zu machen. Wer Verluste anderswo decken musste, verkaufte, was noch Gewinn brachte. Drittens konzentrierte sich der Verkaufsdruck auf Terminkontrakte: Die hoch gehebelten COMEX-Positionen mussten aufgelöst werden, als der Kurs fiel. Goldgedeckte ETFs hatten im März bis dahin trotz Abflüssen in den Tagen zuvor netto 3,6 Milliarden Dollar eingesammelt. Der FSB kam acht Monate später zum selben Schluss: Selbst sonst stabile Anlagen wie Staatsanleihen und Gold schwankten stark, weil Anleger ihre vorherigen Kursgewinne zu Geld machten.

Gold wurde im März 2020 nicht verkauft, weil es an Wert verlor. Es verlor an Wert, weil es sich verkaufen ließ.

Dazu kam der Dollar. Weil Unternehmen außerhalb der USA dringend Dollar brauchten, wertete die US-Währung gegenüber fast allen anderen Währungen kräftig auf. Laut FSB mussten einige Notenbanken sogar Devisenreserven verkaufen, um die Nachfrage nach Dollar in ihrem Land zu bedienen. Ein starker Dollar drückt den in Dollar notierten Goldpreis.

In Euro gerechnet ein deutlich kleinerer Rückschlag

Genau dieser Dollaranstieg dämpfte den Absturz für Anleger im Euroraum. Der Referenzkurs der EZB fiel vom 9. bis 19. März von 1,1456 auf 1,0801 Dollar je Euro, ein Minus von 5,7 Prozent. In Euro gerechnet verlor Gold im Sieben-Tage-Fenster deshalb nur 7,82 Prozent statt 12,02 Prozent.

TabelleGoldpreis im März 2020 in US-Dollar und Euro
Je Feinunze. Euro-Werte mit dem EZB-Referenzkurs desselben Tages umgerechnet.
StichtagUSDEUR/USDEUR
31.12.2019, Jahresschluss1.517,311,12341.350,64
24.02.2020, Hoch in Euro1.659,411,08181.533,93
09.03.2020, Hoch in Dollar1.678,801,14561.465,43
18.03.2020, Ende des Fensters1.476,991,09341.350,82
09.04.2020, Vorkrisenstand in Dollar zurück1.683,251,08671.548,96
09.03. bis 18.03.2020-12,02 %-7,82 %
Seit Jahresbeginn am 18.03.2020-2,66 %+0,01 %
Quelle: Goldpreis-Zeitreihe in US-Dollar, Euro-Referenzkurse der Europäischen Zentralbank. Eigene Berechnung.

Auf dem Tiefpunkt stand Gold in Euro also exakt dort, wo es das Jahr begonnen hatte. Der Höchststand in Euro lag schon am 24. Februar, als der Euro noch schwach war. Gemessen an diesem Hoch betrug der Rückgang bis zum 18. März 11,94 Prozent, verteilt auf drei Wochen statt sieben Tage.

Die Wende kam mit den Notenbanken

Am 18. März legte die EZB ihr Pandemie-Notfallankaufprogramm PEPP über 750 Milliarden Euro auf (EZB). Den Ausschlag gab die Fed am Montag, dem 23. März: Sie sagte Anleihekäufe zu, und zwar „in den Mengen, die nötig sind“, und schuf neue Programme, über die sie Unternehmensanleihen kaufen konnte (Federal Reserve). Der FSB setzt das Ende des Dash for Cash auf diesen Tag. Ab dem 23. März gab der Dollar nach, die Aktienmärkte drehten.

Gold stieg am 23. März um 3,96 Prozent und am 24. März um 4,71 Prozent, die beiden größten Tagesgewinne des Jahres 2020. Am 9. April schloss es mit 1.683,25 Dollar erstmals wieder über dem Hoch vom 9. März. Einen Monat nach dem Beginn des Crashs war der Verlust aufgeholt.

Physisches Gold wurde in diesen Wochen knapp. Im Tessin stellten die Raffinerien Argor-Heraeus, Valcambi und PAMP wegen der Corona-Maßnahmen die Produktion ein. Zusammen mit Metalor verarbeiten sie laut SRF rund zwei Drittel des weltweit gehandelten Goldes, Barren und Münzen kamen verspätet. Die Nachfrage riss trotzdem nicht ab: Im ersten Quartal flossen 298 Tonnen in Gold-ETFs, deren Bestände auf den Rekord von 3.185 Tonnen stiegen. Privatanleger in Europa kauften 65,1 Tonnen Barren und Münzen, 53 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und so viel wie seit Anfang 2017 nicht mehr (Gold Demand Trends Q1 2020).

TabelleZwei Liquiditätskrisen im Vergleich
Goldpreis je Feinunze in US-Dollar, Tagesschlusskurse.
KennzahlOktober 2008März 2020
Verlust in sieben Handelstagen-15,11 %-12,02 %
Fenster14.10. - 23.10.200809.03. - 18.03.2020
Tiefster Schlusskurs714,65 (23.10.)1.471,17 (19.03.)
Ausgangskurs wieder erreicht17.12.200809.04.2020
Tage vom Tief bis zur Erholung5521
Veränderung sechs Monate nach dem Tief+27,59 %+32,61 %
Kalendertage. Sechs Monate nach dem Tief: 24.04.2009 bzw. 18.09.2020. Quelle: Goldpreis-Zeitreihe 1970-2026, eigene Berechnung.

Das Muster gleicht dem Lehman-Crash im Oktober 2008, nur im Zeitraffer. Damals brauchte Gold 55 Tage, um vom Tief auf das Ausgangsniveau zurückzukommen, 2020 waren es 21. Den Unterschied machte das Tempo der Notenbanken: 2008 lagen zwischen der Lehman-Pleite und dem ersten großen Ankaufprogramm der Fed vom 25. November 2008 mehr als zwei Monate, 2020 zwischen der Pandemie-Erklärung und dem unbegrenzten Ankaufversprechen zwölf Tage.

Fünf Monate später auf Rekordhoch

Am 27. Juli 2020 übertraf Gold mit 1.944,71 Dollar das bisherige Rekordhoch von 1.921,18 Dollar aus dem September 2011 (ORF). Den höchsten Schlusskurs des Jahres erreichte die Feinunze am 6. August mit 2.065,35 Dollar, 40,4 Prozent über dem Tief vom 19. März. Der nächste scharfe Rückschlag folgte prompt: Am 11. August verlor Gold 5,70 Prozent an einem Tag. Das Jahr 2020 schloss es mit 1.898,70 Dollar ab, 25,1 Prozent über dem Vorjahr.

Für die Einordnung des März ist dieser Verlauf entscheidend. Der Rückgang war kein Urteil über Gold, sondern eine Folge von Zwangsverkäufen. Sobald die Notenbanken die Geldnot beendet hatten, wirkten dieselben Kräfte in die Gegenrichtung: Nullzinsen, Anleihekäufe in Billionenhöhe und ein schwächerer Dollar. Wer in den Tagen nach der Pandemie-Erklärung verkaufte, verkaufte nahe am Tief.

Kursverlauf im Ereignisfenster

AbbildungGoldpreis pro Feinunze, Tagesschluss in US-Dollar
Zeitfenster 2. Januar 2020 bis 31. August 2020
Quelle: Tagesgenaue Zeitreihe Goldpreis USD je Feinunze, 1970-2026. Eigene Berechnung.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Financial Stability Board: Holistic Review of the March Market Turmoil, 17.11.2020. Phaseneinteilung Flight to Safety und Dash for Cash, Zeitleiste in Annex 1. fsb.org/wp-content/uploads/P171120-2.pdf
  2. World Gold Council: Investment Update: Gold prices swing as markets sell off, 19.03.2020. gold.org/goldhub/research/gold-prices-swing-as-markets-sell-off
  3. World Gold Council: Gold ETF Flows February 2020. Zuflüsse, ETF-Bestände und COMEX-Positionierung im Februar 2020. gold.org/goldhub/research/gold-etfs-holdings-and-flows/2020/03
  4. World Gold Council: Gold Demand Trends Q1 2020: Investment, 30.04.2020. gold.org/goldhub/research/gold-demand-trends
  5. Federal Reserve: Pressemitteilungen vom 03.03.2020, 15.03.2020 und 23.03.2020. federalreserve.gov/newsevents/pressreleases/monetary20200323b.htm
  6. Europäische Zentralbank: EZB kündigt Pandemie-Notfallankaufprogramm (PEPP) an, 18.03.2020. ecb.europa.eu/press/pr/date/2020
  7. SRF: Wegen Coronakrise: Gefahr von gefälschtem Gold steigt, 02.04.2020. Zur Schließung der Tessiner Raffinerien. srf.ch/news/wirtschaft
  8. ORF: Goldpreis auf Allzeithoch, 27.07.2020. orf.at/stories/3175123
  9. Europäische Zentralbank: Euro-Referenzkurs US-Dollar, Tageswerte 2019-2020. ecb.europa.eu
  10. Eigene Zeitreihe Goldpreis, Tagesschlusskurse 1970-2026. Methodik siehe Hauptbericht.
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