Ein Drittel des Goldwerts in sechs Wochen
Vom 13. Februar 1980 bis zum 27. März 1980 - exakt 30 Handelstage und sechs Kalenderwochen - verlor der Goldpreis 34,70 Prozent. Der Schlusskurs fiel von 709,00 US-Dollar auf 463,00 US-Dollar.
Es ist der größte 30-Handelstage-Verlust in der gesamten Zeitreihe seit 1970. Kein späteres Ereignis - weder der Oktober 2008 (-19,50 Prozent über 30 Tage), noch der COVID-März 2020, noch das Taper-Tantrum von 2013 - hat diese Dimension wiederholt. Der 27. März 1980, der den Endpunkt markiert, ist als Silver Thursday in die Finanzgeschichte eingegangen.
Der Markt nach dem Januar-Schock
Am 13. Februar 1980 notierte Gold bei 709,00 US-Dollar - 23 Prozent unter dem Allzeithoch vom 22. Januar (siehe Dossier Nr. 02), aber noch 94 Prozent über dem Stand von Anfang 1979. Der Markt war nach dem Januar-Schock in einem Zustand erhöhter Fragilität: Gehebelte Positionen waren größtenteils liquidiert, neue Käufer hielten sich zurück, die Federal Reserve hatte ihre Straffung nicht beendet.
Parallel tickte die Silber-Bombe weiter. Die Hunt-Brüder hielten Anfang Februar 1980 noch immer die größte Einzelposition am weltweiten Silbermarkt. Der Silberpreis war zwar von seinem Januar-Hoch bei über 50 US-Dollar auf rund 35 US-Dollar gefallen, notierte aber noch immer weit über den Einstiegspreisen der Hunts. Entscheidend war: Die Brüder hielten ihre Positionen auf Margin. Jede weitere Abwärtsbewegung löste Nachschussforderungen aus.
Wie Gold an den Silbermarkt gebunden war
Zwischen dem 13. Februar und dem 27. März 1980 lagen 30 Handelstage, in denen sich Gold und Silber in einer verhängnisvollen Umschlingung nach unten zogen.
Am 27. März 1980 konnten die Hunt-Brüder einen Margin-Call in Höhe von 100 Millionen US-Dollar nicht erfüllen. Bache Halsey Stuart Shields, das Brokerage-Unternehmen, das einen grossen Teil der Hunt-Silberpositionen hielt, war an diesem Tag potentiell mit einem Verlust von rund 1,7 Milliarden US-Dollar konfrontiert. Die Panik zog sich durch das gesamte Finanzsystem. Gold, als das liquideste und am leichtesten zu verkaufende Edelmetall, geriet zur Tagesordnung.
Der Schlusskurs vom 27. März 1980: 463,00 US-Dollar. Zweieinhalb Monate zuvor hatte derselbe Markt bei 909,90 US-Dollar gehandelt.
Ein Bankenkonsortium unter Führung der größeren New Yorker Institute gewährte den Hunt-Brüdern kurz darauf eine Kreditlinie in Höhe von 1,1 Milliarden US-Dollar. Die Rettung fand statt, um das Finanzsystem zu stabilisieren - nicht um die Spekulation zu belohnen.
Was nach dem Silver Thursday kam
Der Silver Thursday war der Katalysator für die umfassendste Reform des US-Rohstoffterminmarkts seit der Gründung der Commodity Futures Trading Commission 1974. Zu den Massnahmen der Folgejahre gehörten:
- Einführung verbindlicher Positionslimits für Einzelmarktteilnehmer.
- Verpflichtende Offenlegung von Bestandsveränderungen größerer Spekulanten.
- Schnellere Eingriffsrechte der Börsen bei Hebel- und Margin-Regeln.
- Bessere Koordination zwischen CFTC, SEC und Federal Reserve bei marktübergreifenden Verwerfungen.
Das Silber-Modell - ein Einzelakteur baut eine marktdominierende Position in einem kleinen Rohstoffmarkt auf - gilt seit 1980 als nicht mehr wiederholbar. Die Goldmärkte sind seither ein Vielfaches größer und liquider; die historische Möglichkeit eines Corners ist geschwunden. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine sechswöchige Phase, in der ein Drittel des Goldmarktwerts verschwand.
Kursverlauf im Ereignisfenster
Quellen und weiterführende Literatur
- Williams, Jeffrey C.: Manipulation on Trial. Economic Analysis and the Hunt Silver Case. Cambridge University Press, 1995. Standardwerk zum Silber-Thursday und seinen Folgen.
- Fay, Stephen: Beyond Greed. The Hunt Family's Bold Attempt to Corner the Silver Market. Viking Press, 1982. Zeitgenössischer Bericht eines Finanzjournalisten.
- Commodity Futures Trading Commission (CFTC): Final Report of the Silver Study, 1985. Regulatorische Aufarbeitung des Corners.
- U.S. Senate Committee on Banking, Housing, and Urban Affairs: Hearings on the Silver Market, 1980. Protokolle der Kongress-Anhörungen.
- Federal Reserve Bank of St. Louis (FRED): Effective Federal Funds Rate, Serie FEDFUNDS. fred.stlouisfed.org/series/FEDFUNDS.
- Eigene Zeitreihe Goldpreis, Tagesschlusskurse 1970-2026. Methodik siehe Hauptbericht.