Gold fällt in der Krise - warum?
Vom 14. bis zum 23. Oktober 2008 - sieben Handelstage im Kern der globalen Finanzkrise - fiel der Goldpreis von 841,90 US-Dollar auf 714,65 US-Dollar. Ein Minus von 15,11 Prozent in der Woche, in der nach verbreiteter Wahrnehmung die Stunde des „sicheren Hafens" Gold hätte schlagen sollen.
Tatsächlich trat das Gegenteil ein. Gold fiel parallel zu Aktien, Unternehmensanleihen und Rohstoffen. Wer in dieser Woche eine aus der Theorie abgeleitete Gold-Long-Position hielt, wurde enttäuscht. Die Erklärung liegt in der Mikrostruktur moderner Finanzkrisen.
Die Tage vor dem Absturz
Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Insolvenz an. Der Dow Jones fiel am selben Tag um 4,4 Prozent. In den folgenden Wochen geriet das globale Finanzsystem in einen Zustand akuter Stresssituation, der später in BIS- und IMF-Publikationen als Dash for Cash dokumentiert wurde.
Gold reagierte zunächst zögerlich. Zwischen dem 15. September und dem 13. Oktober schwankte der Kurs zwischen 740 und 900 US-Dollar, ohne klare Richtung. Die eigentliche Liquidationswelle begann am 14. Oktober 2008, als gehäuft Redemption-Anfragen von Hedgefonds und institutionellen Anlegern eintrafen. Schätzungen aus der späteren Aufarbeitung gingen von rund 100 Hedgefonds aus, die zu Zwangsabbau ihrer Positionen gezwungen waren.
Warum gerade Gold verkauft wurde
In einem Liquiditätsnotfall folgt der Verkaufsdruck nicht dem fundamentalen Wert einer Anlage, sondern ihrer Verkaufbarkeit. Drei Faktoren erklären, warum Gold im Oktober 2008 besonders unter Druck stand:
1. Der Goldmarkt ist tief und liquide. Wer in sieben Tagen mehrere Milliarden US-Dollar veräussern musste, fand in Gold einen Markt, der die Volumina ohne vollständigen Preiskollaps aufnehmen konnte - was paradoxerweise bedeutet, dass er mit Verkäufen überproportional belastet wurde. Illiquide Anlagen wie Private Equity oder spezielle Kreditprodukte wurden nicht verkauft, weil sie nicht verkäuflich waren.
2. Die US-Dollar-Flucht. Der handelsgewichtete US-Dollar wertete zwischen Mitte September und Ende Oktober 2008 gegen praktisch alle grossen Währungen auf. Für in US-Dollar gemessene Rohstoffe - Gold eingeschlossen - bedeutet eine Dollar-Aufwertung mechanisch einen niedrigeren Preis.
3. Margin-Kaskaden. Wer gehebelte Positionen in anderen Märkten hielt und Margin-Calls bedienen musste, verkaufte, wo Cash zu holen war. Gold bot den größten Liquiditätspool unter allen damals investierbaren „alternativen" Anlageklassen.
Gold verhält sich in akuten Liquiditätskrisen nicht wie ein sicherer Hafen, sondern wie eine liquide Reserve. Die Fluchtphase kommt erst nach der Liquidationsphase.
Das große Comeback beginnt im November
Die Liquidationsphase endete am 23. Oktober 2008 mit einem Tief bei 714,65 US-Dollar. In den folgenden Wochen setzte ein Erholungstrend ein, der Gold bis zum Jahresende wieder über 870 US-Dollar führte. Der Auslöser: Am 25. November 2008 kündigte die Federal Reserve mit dem Quantitative-Easing-1-Programm den Ankauf von MBS-Papieren an. Die Marktteilnehmer begannen, Inflations- und Abwertungsrisiken für den US-Dollar einzupreisen.
Im Dreijahreszeitraum nach dem Oktober-Tief verdreifachte sich der Goldpreis. Am 6. September 2011 markierte der Kurs das damalige Allzeithoch bei 1.920 US-Dollar - der stärkste Bullenmarkt in der Geschichte des freien Goldhandels nach der Hausse der 1970er Jahre.
Die Lehre aus dem Oktober 2008 ist in der Literatur seither wiederholt worden: In Phasen akuter Liquiditätskrise bewegt sich Gold kurzfristig mit den Risikoanlagen nach unten - auf mittlere Sicht profitiert das Edelmetall jedoch überproportional von der geldpolitischen Reaktion auf die Krise. Wer den Oktober-Tiefpunkt 2008 als Einstieg nutzte, erzielte bis September 2011 eine Rendite von 169 Prozent.
Kursverlauf im Ereignisfenster
Quellen und weiterführende Literatur
- Bank for International Settlements: The March 2020 dash for cash. BIS Bulletin Nr. 2, April 2020. bis.org/publ/bisbull02.htm. Analog zum Oktober 2008 dokumentiert die BIS dort das Muster der „Dash for Cash"-Dynamik in Krisen.
- Federal Reserve Bank of New York: The Federal Reserve's Response to the Financial Crisis. Zeitleiste und Wirkungsanalyse der QE-Programme 2008-2014.
- International Monetary Fund: Global Financial Stability Report, Oktober 2008 und April 2009. Dokumentation der Deleveraging-Dynamik.
- U.S. Financial Crisis Inquiry Commission: Final Report, Januar 2011. Offizieller Abschlussbericht zur Finanzkrise 2007-2010.
- ICE Data Services: US Dollar Index (DXY), historische Reihe. Basiswährungskorb zum Euro, Yen, Pfund, Kanadischer Dollar, Schwedische Krone, Schweizer Franken.
- Eigene Zeitreihe Goldpreis, Tagesschlusskurse 1970-2026. Methodik siehe Hauptbericht.