Ein Achtel des Goldwerts an einem Tag verloren
Am Freitag, dem 25. Januar 1980, eröffnete der Goldmarkt mit dem höchsten Liquidationsdruck, den die junge freie Goldmarkt-Ära bis dahin gesehen hatte. Der Tagesschlusskurs fiel von 809,90 US-Dollar am Vortag auf 661,00 US-Dollar. Ein Minus von 18,38 Prozent binnen eines Handelstags - bis heute der größte Tagesverlust in der 56-jährigen Geschichte des freien Goldhandels seit dem Ende von Bretton Woods.
Der absolute Dollarbetrag des Rückgangs - 148,90 US-Dollar pro Feinunze - wurde in den folgenden 28 Jahren an keinem einzigen Handelstag mehr erreicht. Erst 2008 überstieg der Goldpreis wieder die 900-Dollar-Marke. Gemessen an der Schließkurs-Tiefe markiert der 25. Januar 1980 damit nicht nur relativ, sondern auch absolut ein singuläres Ereignis.
Wie Gold auf über 900 Dollar kletterte
Die Rallye, an deren Ende der Absturz stand, hatte 1976 begonnen. Gold kostete damals rund 103 US-Dollar. In den folgenden vier Jahren verdreifachte, vervierfachte, verfünffachte sich der Preis. Der Treibstoff der Bewegung war eine Kombination aus drei Ereignissen, die in der Geldgeschichte selten gleichzeitig auftreten.
Die US-Inflation außer Kontrolle. Die Verbraucherpreise in den USA stiegen 1979 um 11,3 Prozent, im Frühjahr 1980 erreichten sie im Zwölfmonatsvergleich 14,8 Prozent - den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg. Reale Renditen auf US-Staatsanleihen waren zeitweise deutlich negativ. Gold war in dieser Konstellation die naheliegende Alternative.
Die geopolitischen Schocks. Am 26. Dezember 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein. Wenige Wochen zuvor hatte die iranische Geiselnahme begonnen. Die Risikoprämie an den Goldmärkten schoss nach oben.
Die Silber-Spekulation der Hunt-Brüder. Die texanischen Milliardäre Nelson Bunker und William Herbert Hunt hatten bereits 1979 nach Schätzung der US-Aufsichtsbehörden rund 100 Millionen Trojunzen Silber akkumuliert - fast ein Drittel des weltweit handelbaren Bestands. Der Silberpreis war von 6,08 US-Dollar Anfang 1979 auf über 50 US-Dollar im Januar 1980 explodiert. Der Corner am Silbermarkt zog den gesamten Edelmetallkomplex mit.
Am 18. Januar 1980 erreichte Silber sein Allzeithoch von 49,45 US-Dollar am London Fix; intraday notierte die Comex zeitweise bei 50,35 US-Dollar. Gold folgte. Der höchste Tagesschlusskurs in der gesamten hier verwendeten Zeitreihe fiel auf den 22. Januar 1980: 909,90 US-Dollar pro Feinunze.
Drei Handelstage, die alles drehten
Bereits am 7. Januar 1980 hatte die Comex mit der sogenannten Silver Rule 7 die Hebelbeschränkungen auf Silberkontrakte verschärft. Der Sinn war klar: Die Börse wollte den Hunt-Positionsaufbau bremsen und die Systemrisiken begrenzen. Die Wirkung trat erst mit Verzögerung ein.
Die Tage nach dem 22. Januar lesen sich in der Zeitreihe wie eine Chronik des Kontrollverlusts.
- 22. Januar 1980: Schluss bei 909,90 USD - Allzeithoch der Zeitreihe bis 2008.
- 23. Januar 1980: 859,90 USD - erste deutliche Abgabe.
- 24. Januar 1980: 809,90 USD - Verlust von 5,8 Prozent.
- 25. Januar 1980: 661,00 USD - Sturz um 18,4 Prozent.
- 28. Januar 1980: 659,20 USD - stabil auf Tiefniveau.
Parallel zur Comex-Regelverschärfung lag eine zweite Kraft auf dem Markt. Der neue Vorsitzende der Federal Reserve, Paul Volcker, hatte in seiner FOMC-Sondersitzung am 6. Oktober 1979 den Kurs auf rigorose Geldmengensteuerung umgestellt - ein Bruch mit der vorangegangenen Politik der Zinsglättung. Die Effective Federal Funds Rate stieg von 11,5 Prozent im Oktober 1979 auf einen Peak von 17,6 Prozent im April 1980. Der reale Zinsvorteil von Gold verschwand zusehends.
Als die gehebelten Spekulanten die Margin-Grenzen erreichten, gab es keine gegenläufige Kaufwelle. Die Liquidation verselbstständigte sich innerhalb eines einzigen Handelstags.
Ein Zeitenbruch für den Goldmarkt
Der 25. Januar 1980 war nicht das Ende der Abwärtsbewegung. Der Goldpreis erholte sich zwar kurzfristig bis auf über 700 US-Dollar, fiel dann aber bis zum 27. März 1980 - dem Tag, der in die Finanzgeschichte als Silver Thursday einging - auf 463 US-Dollar. Das ist zusammen ein Rückgang von nahezu 50 Prozent gegenüber dem Januar-Hoch. Ein Wiedereinstieg in die Region des Januar-1980-Hochs gelang erst im Dezember 2005, also 25 Jahre später.
Der Hunt-Crash lieferte der Regulierung das Argument, das sie brauchte. Die Comex, die CFTC und die Federal Reserve erarbeiteten gemeinsam die Rahmenbedingungen, die später als Standard für Futures-Märkte akzeptiert wurden. Zum ersten Mal wurde gesellschaftlich breit diskutiert, welche Positionsgrössen ein einzelner Marktteilnehmer aufbauen darf, ohne die Stabilität des Systems zu gefährden.
Für den Goldanleger bleibt eine unbequeme Lehre: Die stärkste Hausse erzeugt oft den größten Absturz. Zwischen dem Allzeithoch am 22. Januar 1980 und dem Tagestief am 28. Januar 1980 lagen vier Handelstage und 28 Prozent Wertverlust.
Kursverlauf im Ereignisfenster
Quellen und weiterführende Literatur
- Williams, Jeffrey C.: Manipulation on Trial. Economic Analysis and the Hunt Silver Case. Cambridge University Press, 1995. Akademisches Standardwerk zur Ökonomie und Rechtsaufarbeitung des Silber-Corners.
- Federal Reserve Bank of St. Louis (FRED): Effective Federal Funds Rate, Serie FEDFUNDS. fred.stlouisfed.org/series/FEDFUNDS. Tagesgenaue Leitzinsreihe ab 1954.
- U.S. Bureau of Labor Statistics: Historical CPI-U data, Basisreihe CUUR0000SA0. bls.gov/cpi/data.htm.
- Federal Reserve Board: FOMC Historical Materials 1980, Transkripte und Meeting-Minuten. federalreserve.gov/monetarypolicy/fomchistorical1980.htm.
- Commodity Futures Trading Commission (CFTC): Final Report of the Silver Study, 1985. Rekonstruktion der Hunt-Positionen und regulatorischen Reaktionen.
- Eigene Zeitreihe Goldpreis USD je Feinunze, Tagesschlusskurse 1970-2026. Primärdaten im Projektarchiv, Methodik siehe Abschnitt Methodik.